Freitag, 19. Oktober 2007

Sentenza

Über Nacht wurde es Herbst. Ungefragt fährt der Wind in der Dunkelheit der frühen Morgenstunden durch die Fensterritzen in mein Zimmer und tanzt mit den Vorhängen. Ich sitze zusammengekauert auf dem Bett – hellwach und doch träumend – und lausche der unhörbaren Musik. Die Sommermonate waren mir einmal mehr entglitten. Nun trauere ich um sie, wie ich es noch jedes Mal getan habe. Noch bevor mich diese seltsame, innere Kälte zur Gänze erfassen kann, erscheint wie aus dem Nichts vor meinem inneren Auge dein Bild. Ich trauere einmal mehr.

Eine seltsame Angewohnheit hat der Mensch: Er ist sich nie zu jung, um von früher zu sprechen. Fühlt er sich lebendiger, wenn er sich erinnert? Wird das eigene Sein glaubhafter? Oder ist er einfach glücklicher, weil die Erinnerung so viel schöner sein kann als das Erinnerte selbst gewesen war?...

Das Gras, das ich als Bild im Kopfe trage, war trotz des Mittsommertages von frühlingshaftem Grün. Ich saß ein paar Meter von der Straße und dem Auto entfernt zu deinen Füßen. Die Startbahn verlief geschätzte hundert Meter parallel zur Straße, meine Augen konnten weder den Anfang noch das Ende erfassen. Der Himmel sah mir ins Gesicht, die letzten Strahlen der Sommersonne tauchten die Landschaft in ein unwirkliches, weißgelbes Licht.
„Schau doch!“ Ich schrie gegen die Turbinengeräusche des kleinen Flugzeugs an, das sich unmittelbar über unsere beiden Köpfe in die Luft streckte und sprang vom Boden auf. Dann rannten wir beide übermütig hinter der Maschine her über die Wiese, bis diese aus unserem Blickfeld verschwunden war. Atemlos sank ich ins Gras: „Wo der wohl hinfliegen mag?“
„Nach Bangkok.“
„Viel zu klein.“
„Bestimmt.“

Ein zerbeulter Müllcontainer, der überquoll. Das Licht spiegelte sich auf dem glänzenden Blech. Die Hitze machte die Welt in Zeitlupe beweglich. Windböen, die kurz aufwallten und dann in staubiger Erde vergingen. Lider blinzelten in die Sonne. Schatten und frei…

„Ich lese gerade all die Klassiker, denen ich in der Schule nie genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe. Goethe, Schiller... Das Fräulein von Scuderi. Ich glaube, ich bin besessen.“
„Das sieht man in deinen Augen.“
Du sprachst vom Schreiben um zu verändern, ich sprach vom Schreiben um zu sein. Ich mochte diese Endlosdiskussionen, die all die Male zuvor in einem Streitgespräch endeten, wie es eben der Fall ist, wenn zwei Menschen eine Passion teilen und doch nicht. Hörst du das Schweigen? Ich schloss die Augen und ließ die Sonne zufrieden gen Horizont ziehen. Ein Seufzen in der Luft, deine Stimme in meinem Ohr: „Und dann sagst du: Das bekommst du doch wieder nicht auf die Reihe. Und dann sage ich: natürlich nicht.“
Ich fixierte verlegen den ausgerissenen Grashalm in meinen Händen und lächelte. In meiner Erinnerung lächelst du an dieser Stelle ebenfalls, du lächelst dein verschmitztes, spitzbübisches Verlegenheitslächeln und wir fühlen uns einmal mehr so viel näher.

Es dämmert und ich weiß, ich werde wieder einen Tag verschlafen. Erschöpft lasse ich mich in die Kissen sinken und schließe erwartungsvoll die Augen, dass die Finsternis sich lichten kann und mir meine Geschichten erzählt. Ein Murmeln und ein ruhiger Atemzug am Ende: Und ich taufe dich neu: Sentenza. Ich träume nicht, wenn du bei mir bist.


September 2006, »printversion datum 03/07«
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