Perfect Day, I
“Oh, it's such a perfect day
I'm glad I spend it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on”
I
Felix und ich können uns nicht ausstehen – im Grunde.
Ich halte ihn für einen oberflächlichen, übersensiblen Traumtänzer, der eine greise Ernsthaftigkeit an den Tag legt, die mich anekelt. Die Ernsthaftigkeit geht so weit, dass selbst wenn er aus voller Kehle lacht oder glücklich und unbeschwert wirkt (weil er es ist?), er jedem in unmittelbarer Umgebung auf seltsame Art und Weise ständig unbewusst vermittelt: Das Leben ist nicht schön.
Er denkt ich sei altklug und über alle Maße arrogant und ich bin eine Frau. Das genügt meistens, um Felix in heilloses Durcheinander zu stürzen. In uns beiden wohnt dieselbe Art von Unstetigkeit und Rastlosigkeit, der wir unterschiedlich begegnen – natürlich – und der Hang, jeden winzigen Gedanken wieder und wieder hervorzuholen und zu durchdenken, durchkauen, bis aus den Gedanken Brei wird, Brei und Chaos. Felix und ich, wir bekommen alles auf die Reihe – und nichts, im Grunde.
Wir kannten uns kaum (auch jetzt noch) und doch haben wir uns auf dieselbe Art kategorisiert, weil es half dem Chaos im Kopf zuweilen eine Richtung zu geben, die nach jeder Begegnung eine andere war. Was in Vergangenheit stets gleich blieb war das Bedürfnis sich nahe zu sein, die Grenzen waren bis auf wenige Ausnahmen gut abgesteckt und so kam es, dass ich Felix stets wissen ließ, wenn ich in seiner Nähe war, er beschäftigt klang und bedauernd absagte und immer einige Zeit später doch auftauchte, scheinbar zufällig, zumeist betrunken und bekifft wie ich. Unsere seltenen Aufeinandertreffen verliefen konstant: Er kam zu spät, trank je nach Verfassung mal mehr, mal weniger, ich trank meistens mit und wir sagten uns erst Auf Wiedersehen, wenn einer von uns beiden nicht mehr trinken konnte, dringend schlafen musste oder das Geld ausgegangen war.
Konstantin ruft verzweifelt an, sie würden sich verspäten, er müsse Felix aus der Dusche holen und anziehen, es sei wohl spät geworden (ein vorsichtiges Haha), aber sie würden es heute noch schaffen. Armer Konstantin. Greta und ich lachen bis sie auftauchen, wir bestellen lachend Tee.
Gemeinsame Bekannte und mitgebrachte Freunde beobachteten dieses Spiel vermutlich unterschiedlich; ich sprach über Felix nur beiläufig oder gar nicht und will auch jetzt nicht hören, dass man Wetten abschloss und wilde Spekulationen aufstellte. Ich mochte das Gefühl, ihn aus der Fassung zu bringen, wenn er sich tapfer meiner Gegenwart aussetzte. Ich konnte mich entziehen wann immer ich wollte, intelligente Diskussionen führen, Luftschlösser bauen und derbe Witze reißen; ich war ich und spielte nur für ihn Theater, auf einer Bühne, auf der alle Anwesenden zu Statisten verkamen, auf der unser beider Belanglosigkeiten auf einen Thron gehoben wurden und wir alles waren: alles, was wir hatten und alles was wir brauchten, wann immer wir uns haben konnten. Dazu genügte manchmal das Wissen, dass wir uns zur selben Zeit im selben Raum aufhielten.
Nach jedem Treffen überkam mich eine tiefe Zufriedenheit und doch flüchtete ich, flüchtete in die Arme meiner Geliebten, flüchtete mich in die Studienbücher, flüchtete mich in lange Nächte, aus denen ich wie gerädert erwachte und mich erst Tage später davon erholte. Felix tauchte noch Wochen später in meinen Gedanken auf, bis er schließlich und sehr plötzlich aus ihnen verschwand. Ich wusste gut: bis zum nächsten Mal.
Felix hatte diese Mädchenwimpern, um die ich ihn beneidete, diese langen, schwarzbraunen Haare im Nacken, die ich mit unverhohlenem Entzücken fixierte, zog sich gut an und war geruchlos, gepflegt, aber geruchlos, ich frage mich noch immer, wie ein Mensch so neutral riechen kann, kein Körpergeruch, kein Parfum, kein Duft und kein Gestank. Wenn er ging war seine Haltung leicht gebeugt, als trüge er ein Geheimnis auf dem Rücken, ein unsichtbares Geheimnis, das ihm Mühe machte und das wortlos seine zumeist steinerne Miene erklärte. Seine Mimik war so undurchschaubar wie eine Betonwand.
Er interessierte sich für freie Medien und Politik, ich interessierte mich für Literatur und Biologie, wir sprachen selten darüber, weil wir uns nie einig waren, uns verächtlich anschnaubten und noch zwei Wodka bestellten, die wir dann schweigend und seufzend tranken. Felix und ich, wir wollten uns nie überzeugen, wir wollten uns neu definieren, ein ums andere Mal, das genügte uns. Forschung am Lebendobjekt, persönliche Studien.
Man sieht die Hand kaum mehr vor Augen wegen all dem Rauch, wir sitzen zu Dritt in der tiefen, roten Ledercouch, Felix in der Mitte. Ich rauche Kette und Felix hält mir einen Vortrag über Rauchen und die Folgen.
„Schau, das Rauchen ruiniert meinen Körper, irgendwann, deine Drogenexperimente ruinieren deinen klugen Kopf. Was ist dämlicher? Ich weiß, ist es beides – aber was?“
Ich lache zufrieden und ein bisschen zu überheblich, er dreht sich beleidigt weg und starrt geradeaus in Richtung Bar. Lou Reeds Stimme schleppt sich aus den Boxen, ich hüpfe im Sitzen vor Freude, nehme einen Schluck Bier und lächle zufrieden und mit einem angenehmen Schwindelgefühl, das mich erfasst, vor mich hin. Felix’ Mund am meinem Ohr: „Es gibt keine perfekten Tage.“
Ich sehe ihn nicht an, bewege den Kopf zur Musik und erwidere in den Nebel hinein: „Das nein. Aber es gibt doch gute Tage. Es gibt gute Tage.“
Ich drehe meinen Oberkörper zu ihm hin. Er macht ein Gesicht, als hätte ich ihm den Sinn des Lebens verraten: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Ich muss wieder lachen, er verzeiht die Augenbrauen und entlockt seinem verdutzten Gesicht ein Lächeln: „Du bist schön, Mara.“
„Ich weiß.“
„Ich weiß, dass du es weißt.“
I'm glad I spend it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on”
I
Felix und ich können uns nicht ausstehen – im Grunde.
Ich halte ihn für einen oberflächlichen, übersensiblen Traumtänzer, der eine greise Ernsthaftigkeit an den Tag legt, die mich anekelt. Die Ernsthaftigkeit geht so weit, dass selbst wenn er aus voller Kehle lacht oder glücklich und unbeschwert wirkt (weil er es ist?), er jedem in unmittelbarer Umgebung auf seltsame Art und Weise ständig unbewusst vermittelt: Das Leben ist nicht schön.
Er denkt ich sei altklug und über alle Maße arrogant und ich bin eine Frau. Das genügt meistens, um Felix in heilloses Durcheinander zu stürzen. In uns beiden wohnt dieselbe Art von Unstetigkeit und Rastlosigkeit, der wir unterschiedlich begegnen – natürlich – und der Hang, jeden winzigen Gedanken wieder und wieder hervorzuholen und zu durchdenken, durchkauen, bis aus den Gedanken Brei wird, Brei und Chaos. Felix und ich, wir bekommen alles auf die Reihe – und nichts, im Grunde.
Wir kannten uns kaum (auch jetzt noch) und doch haben wir uns auf dieselbe Art kategorisiert, weil es half dem Chaos im Kopf zuweilen eine Richtung zu geben, die nach jeder Begegnung eine andere war. Was in Vergangenheit stets gleich blieb war das Bedürfnis sich nahe zu sein, die Grenzen waren bis auf wenige Ausnahmen gut abgesteckt und so kam es, dass ich Felix stets wissen ließ, wenn ich in seiner Nähe war, er beschäftigt klang und bedauernd absagte und immer einige Zeit später doch auftauchte, scheinbar zufällig, zumeist betrunken und bekifft wie ich. Unsere seltenen Aufeinandertreffen verliefen konstant: Er kam zu spät, trank je nach Verfassung mal mehr, mal weniger, ich trank meistens mit und wir sagten uns erst Auf Wiedersehen, wenn einer von uns beiden nicht mehr trinken konnte, dringend schlafen musste oder das Geld ausgegangen war.
Konstantin ruft verzweifelt an, sie würden sich verspäten, er müsse Felix aus der Dusche holen und anziehen, es sei wohl spät geworden (ein vorsichtiges Haha), aber sie würden es heute noch schaffen. Armer Konstantin. Greta und ich lachen bis sie auftauchen, wir bestellen lachend Tee.
Gemeinsame Bekannte und mitgebrachte Freunde beobachteten dieses Spiel vermutlich unterschiedlich; ich sprach über Felix nur beiläufig oder gar nicht und will auch jetzt nicht hören, dass man Wetten abschloss und wilde Spekulationen aufstellte. Ich mochte das Gefühl, ihn aus der Fassung zu bringen, wenn er sich tapfer meiner Gegenwart aussetzte. Ich konnte mich entziehen wann immer ich wollte, intelligente Diskussionen führen, Luftschlösser bauen und derbe Witze reißen; ich war ich und spielte nur für ihn Theater, auf einer Bühne, auf der alle Anwesenden zu Statisten verkamen, auf der unser beider Belanglosigkeiten auf einen Thron gehoben wurden und wir alles waren: alles, was wir hatten und alles was wir brauchten, wann immer wir uns haben konnten. Dazu genügte manchmal das Wissen, dass wir uns zur selben Zeit im selben Raum aufhielten.
Nach jedem Treffen überkam mich eine tiefe Zufriedenheit und doch flüchtete ich, flüchtete in die Arme meiner Geliebten, flüchtete mich in die Studienbücher, flüchtete mich in lange Nächte, aus denen ich wie gerädert erwachte und mich erst Tage später davon erholte. Felix tauchte noch Wochen später in meinen Gedanken auf, bis er schließlich und sehr plötzlich aus ihnen verschwand. Ich wusste gut: bis zum nächsten Mal.
Felix hatte diese Mädchenwimpern, um die ich ihn beneidete, diese langen, schwarzbraunen Haare im Nacken, die ich mit unverhohlenem Entzücken fixierte, zog sich gut an und war geruchlos, gepflegt, aber geruchlos, ich frage mich noch immer, wie ein Mensch so neutral riechen kann, kein Körpergeruch, kein Parfum, kein Duft und kein Gestank. Wenn er ging war seine Haltung leicht gebeugt, als trüge er ein Geheimnis auf dem Rücken, ein unsichtbares Geheimnis, das ihm Mühe machte und das wortlos seine zumeist steinerne Miene erklärte. Seine Mimik war so undurchschaubar wie eine Betonwand.
Er interessierte sich für freie Medien und Politik, ich interessierte mich für Literatur und Biologie, wir sprachen selten darüber, weil wir uns nie einig waren, uns verächtlich anschnaubten und noch zwei Wodka bestellten, die wir dann schweigend und seufzend tranken. Felix und ich, wir wollten uns nie überzeugen, wir wollten uns neu definieren, ein ums andere Mal, das genügte uns. Forschung am Lebendobjekt, persönliche Studien.
Man sieht die Hand kaum mehr vor Augen wegen all dem Rauch, wir sitzen zu Dritt in der tiefen, roten Ledercouch, Felix in der Mitte. Ich rauche Kette und Felix hält mir einen Vortrag über Rauchen und die Folgen.
„Schau, das Rauchen ruiniert meinen Körper, irgendwann, deine Drogenexperimente ruinieren deinen klugen Kopf. Was ist dämlicher? Ich weiß, ist es beides – aber was?“
Ich lache zufrieden und ein bisschen zu überheblich, er dreht sich beleidigt weg und starrt geradeaus in Richtung Bar. Lou Reeds Stimme schleppt sich aus den Boxen, ich hüpfe im Sitzen vor Freude, nehme einen Schluck Bier und lächle zufrieden und mit einem angenehmen Schwindelgefühl, das mich erfasst, vor mich hin. Felix’ Mund am meinem Ohr: „Es gibt keine perfekten Tage.“
Ich sehe ihn nicht an, bewege den Kopf zur Musik und erwidere in den Nebel hinein: „Das nein. Aber es gibt doch gute Tage. Es gibt gute Tage.“
Ich drehe meinen Oberkörper zu ihm hin. Er macht ein Gesicht, als hätte ich ihm den Sinn des Lebens verraten: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Ich muss wieder lachen, er verzeiht die Augenbrauen und entlockt seinem verdutzten Gesicht ein Lächeln: „Du bist schön, Mara.“
„Ich weiß.“
„Ich weiß, dass du es weißt.“
purity - 27. Mrz, 23:45



der Märchenfrau, aber er kommt nicht, sie läßt uns warten
und während wir warten geht die sonne auf und der
Mund wird trocken und das Leben ist irgendwie am Leben
und wir sagen uns, irgendwie wird es schon weitergehen, aber
mit einem Text der Märchenfrau wäre es leichter