Aurea Mediocritas
(fragment, kann ich noch was anders? nein. es ist zum verrückt werden, und ich würde, wenn ich die zeit dazu hätte. aber ich mag diesen anfang und irgendwann verwerke ich ihn vielleicht in ein rundes ganzes)
I
Wash me away
Clean your body of me
Erase all the memories
They'll only bring us pain
Umständlich wickle ich mich aus den Laken, grüne Lichter tanzen auf den Pupillen und machen mir das Sehen unmöglich. Schwindel erfasst mich, lässt mich kaum aufstehen. Fahrig taste ich mich zum Stuhl neben dem Fenster, die grellen Reklametafeln sind hinter den dicken, staubigen Vorhängen kaum zu erkennen. Ich wage es nicht mich zu bewegen, ich würde am liebsten aufhören zu atmen. Meine Versteinerung dauert einen Moment an, dann greife ich entschlossen zu den erstbesten Kleidungsstücken, die ich ertasten kann und schleiche damit bepackt in großem Bogen um das Bett in Richtung Badezimmertür. Dort eingeschlossen ziehe ich mich notdürftig an, meide den Blick in den Spiegel und meine Gedanken. Neben der Kloschüssel steht eine halbe Flasche Wein. Nur ein Schluck… mein Magen dreht sich und reißt mir die Augen auf. Ich kotze ins Waschbecken, noch immer den Gedanken im Hinterkopf, bemüht: leise…
Dann klemme ich die angebrochene Flasche unter den Arm und verlasse das Zimmer und das Schwarz. Ich verlasse das Gebäude, nehme ziellos die erste Straße nach rechts und lasse Häuserfassaden, Autos und vereinzelt Menschen an mir vorbeiziehen, als würde ich in einem Stuhl sitzen und mir einen Film ansehen. Alles vermengt sich zu einem Rauschen in meinen Ohren. Ich bin das gar nicht, das ist jemand anderes. Benommen sinke ich neben eine Litfasssäule um Atem zu holen.
Doch die Nacht trägt mich, zurück an den Platz, zurück zu dem Brunnen, an dem ich Stunden zuvor mit ihm gestanden habe. Langsam streife ich mir die Kleider vom Leib.
II
„He, hallo… Hallo! Was machen Sie da?“
Die Taschenlampen der Streifenpolizisten blenden mich, ich halte schützend die Hände vor Augen und blinzle in das stechende Licht.
„Das sieht man doch. Ich wasche mich.“
„Kommen Sie aus dem Wasser. Sind Sie betrunken?“
„Ein Kenner“, rufe ich lachend zwischen den rauschenden Wasserfontänen hervor und versuche meine Zunge in Zaum zu halten, die mir nicht mehr zu gehorchen scheint. Ich rudere mit den Armen, um nicht die Balance zu verlieren, als ich mich fröstelnd der Stimme zuwende. Die versuchte pirouetteske Drehung um die eigene Achse misslingt, meine Knie knicken ein und ich lande schmerzhaft. Ungelenk stehe ich auf, steige aus dem Brunnen und wanke barfuss auf die beiden Männer zu, verlegen reibe ich meinen Ellenbogen.
„Können Sie sich ausweisen?“ Die Situation entbehrt nicht eine gewisse Komik, man sieht mir nicht ins Gesicht. Mir ist nach Weinen und mir ist kalt und für einen kurzen Moment sehne ich mich zurück in das Bett neben den warmen Körper.
„Ich tu doch nichts, ich habe gebadet“, höre ich mich flüstern. Die Stimme bricht. Es ist nicht mehr meine Stimme. Meine Seele steckt nicht mehr in dem zitternden, nackten Körper, dem die Wassertropfen vom dunklen Haar über die Schultern perlen. Bald stehe ich in einer kleinen Pfütze, die Arme um den Oberkörper geschlungen. Ich sehe noch von weitem, wie man mich in eine graue, zerschlissene Decke hüllt. Man redet noch eine Weile auf mich ein, dann kehrt die Stille zurück. Der Brunnen ist der einzige, der mit mir spricht. Der andere Polizist entdeckt meine Kleider und beginnt darin zu wühlen. „Kommen Sie.“ Ich reagiere kaum, mein Mundwinkel zuckt unkontrolliert. Widerstandslos lasse ich mich zum Streifenwagen führen. Kurze Zeit später, als die Wärme zurückströmt und ich mich wieder fühlen kann, als ich in mich zurückkehre, kippt mein Kopf auf der Rückbank zur Seite. Dunkelheit und Vergessen sind zu mir gekommen.
III
Der pelzige Geschmack auf meiner Zunge ist ein trauriges, einsames Geständnis meiner marinierten Seele, ein Satz, sphärischer Traum: morgens, die blaue Stunde. Ich schaue mich um, ein Geruch liegt in der Luft, eine erkaltete Verausgabung zweier Körper, Zigarettenrauch und ein Schatten von Erbrochenem, der Platz neben mir ist warm. I see I hear it's very clear. Ich stehe am Fenster vor einer fremden Stadt, alles woran ich mich erinnere ist leer, seit dieser Nacht, an die ich mich ebenfalls nicht erinnere, Momente, Szenen ohne emotionalen Gehalt, präsent, aber nicht warm oder kalt, schön oder erschreckend, die verstörende Belanglosigkeit eines blauen Morgens, einer im Halbschatten glänzenden Reklametafel. Because the day has come when you have won. In meinem Bauch wird ein Stern geboren, glühend heiß, ich kotze ihn ins Waschbecken; scheiße, die Flasche ist leer und ich weiß nicht, wem diese Tasche gehört, neben dem Klo, vielleicht mir? Ich steige in die Dusche und verbrenne mir die Haut am heißen Wasser, das mir auf die Lider schlägt, Farben und Schmerzen und Gedanken in die Augen prügelt. It's myself I feel. Brunnen, Brunnen, tief am Grund, ein Dunkel, ein glanzwollenes Licht, in deinen Augen, ein Erbrechen, Dunkel, mit dem Kopf auf den Grund schlagend, Glanz.
IV
She calls me calls me the sun the sea yeah. Undine. Dieses Wort, Undine, ich wache auf, in der Badewanne, ein kleiner roter Fluss läuft ausgetrocknet zum Abfluss. Undine, ich murmle, the sea, ein Gewirr aus Erinnerungen kriecht den Abfluss hinauf, den roten Faden entlang in meinen Kopf, blasse Bilderchen. Habe ich mit einem Geist geschlafen? Wo ist er hin und wer hat ins Waschbecken gekotzt?
Schmerzen im ganzen Leib, Sterne in den besten Jahren und im Spiegel ein blasser, müder Sartyr, dem man die Hörner ausgerissen haben muss, ein verbranntes Gesicht. Ich muss mich vergewissern: zum Fenster, den Vorhang beiseite, ja, ich weiß nicht, wo ich bin, es muss Mittag sein, mein Schädel brummt. In der Tasche neben dem Klo finde ich Kopfschmerztabletten, Kosmetik und allerlei Kram, der mir nicht bekannt vorkommt, Undine muss sie vergessen haben oder sie hat durch keinen Abfluss gepasst, keine Ahnung, keine Ahnung, dessen bin ich mir sicher. I know it's not for today.
It's not for today, it's for you and me yeah you and me.
Ich saß am Rand des Brunnens, ich weiß nicht warum und wozu, es muss unglaubliches geschehen sein um das möglich zu machen, Sekunden Minuten Stunden Tage Wochen Monate Jahre Jahrzehnte Jahrhunderte Jahrtausende Jahrmillionen, ich nehme einen mächtigen Schluck, danke vielmals.
Alone in my room you're there on the floor. Ich stelle mir das langsam vor, jede kleine Einzelheit, wir sitzen uns gegenüber, ich stehe auf (wie viel passiert sein muss dafür!), aus einem alten knarrenden Stuhl vielleicht oder aus dem Bett, ich stelle mich neben dich, vergrabe meine Finger in deinen Haaren, berühre deinen Nacken, diese fremde, vom Licht verzauberte Land, nehme eine Brust in die Hand, einander entführende Münder und dann, ich stelle es mir langsam, sehr genau, vor, werde ich wahnsinnig (und was alles geschehen muss!). Ich nehme noch einen Schluck, danke vielmals. Open up your eyes let me get inside. Blasse Bilderchen, Szenenwechsel, die im Taumel der Nacht verloren gegangen sein müssen, denn plötzlich sitze ich nicht mehr dort am Brunnen, sondern stehe in einem kleinen Imbiss, mit dir, Undine, ein halbvolles Bier auf dem weißen Plastiktisch, du sagst kein Wort oder redest wie ein Wasserfall (sic!), es ist die gelb-schwarze Stunde, Szenenwechsel, du gehst einige Schritte vor mir und ich starre auf deinen Hintern, Schnitt, eine Bar, Bier, eine fette Frau reibt sich die Achseln und in deinen Augen liegt ein Schweigen, Schnitt, Learned to love on TV, ich falle über einen Tisch und küsse deinen feuchten Mund, Schnitt, Learned to come on TV, ein alter Mann reitet auf der Kellnerin zur Tür hinaus und du verlierst deinen Oberteil, Schnitt, Can I help you?, ich pflücke Blut aus dem Kinn eines Fremden und, Schnitt, du verlierst sie beim Bad in einem Brunnen, Standbild: Can I guide you?
Der pelzige Geschmack auf meiner Seele ist ein trauriges, einsames Geständnis meiner marinierten Zunge und es sind keine Fragen möglich, nichts zu antworten, im Zimmer ist kein Ton, als ich am Fenster stehe, rauche, stehe, nicht schaue, ein sphärisches Dasein, sinn-los. Was mag passiert sein? Was bedeuten diese Sequenzen, erinnerte Abläufe? It amazes me how I broke free. Deine Stimme, Undine, höre ich, undeutlich von der Straße, vom Brunnen, plappernd eine fremde Sprache, von einem wilden Neontraum, ein Jagen, ineinander verschwenden zweier Körper, mit Blicken, mit Wein, lieblicher Kindertanz zwischen den Trümmern einer Nacht, die so nicht stattgefunden haben kann; das Bett ist kalt und es bedarf zu vieler Sekunden, zu vieler Wege, dieses Bett zu wärmen, diese Haut, the sea, ein Fels, der mit den Wassern streitet. Then got brought back in. Wo bin ich und was soll ich tun? Ich kann mich nicht rühren, betrachte das zerwühlte Bett, das wenige Licht im Dunkel. 'Cause when the feelings there shattered and scared. Du nanntest mich die Sonne, die See, ich erinnere mich daran, oder auch nicht und wozu auch? I know you've won goodbye I'm gone.
V
For one moment
I wish you'd hold your stage
With no feelings at all
Plötzlich beginne ich zu singen, leise, beinahe unhörbar, einen Satz auf den Lippen, salzig, wiederholend, wiederholend, wiederholend. Einschläfernd. Ich tanze mit meinem Taschentuch, versenke mich ins Nicht-Denken, denke nicht ich bin, denke ich bin nicht, sitze, es rüttelt an mir, rührt an mich, ich schlage die Augen lustlos auf, fühle mich so erbärmlich glücklich, erbärmlich…ausgelaugt, ausgelutscht, als hätte mich jemand getrunken (ertrunken) ertränkt. Die Jacke fällt zu Boden, erst jetzt schrecke ich hoch, komme zu Bewusstsein; ich zittere, es schüttelt mich, ich fürchte, die Kontrolle zu verlieren. Der Schmerz kehrt zurück und lässt mich jede Faser meines Körpers spüren.
„Die Fahrkarte, bitte.“
Langsam krame ich in den Jackentaschen, strecke meine Arme hinunter, streiche mir gleichzeitig die Haare aus dem Gesicht, fühle nass, kalt, eine hektische Bewegung, „hier, bitte… ja, ja… ich bin in Ordnung.“ Ich trotze mir ein Lächeln ab, eines der schönen.
And I’ve seen all I’ll ever need.
Es ist Herbst und es ist Juni. Morgens gibt es Nebel, tagsüber regnet es grau-in-grau, man hält den Atem an und rennt nach draußen, wenn für fünf Minuten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen, deren Licht die Augen blendet und tränen lässt. Der Schnee auf den Bergen ist braun geworden und hat aufgehört zu leuchten. Die Töne passen zu den Tagen, die auf leisen Füßen kommen und bleiben.
Azur, damals:
Zeit, ich möchte dich in den Arm nehmen und festhalten, nur für ein, zwei Augenblicke. Ich möchte die Hand wieder in meiner haben, während der Wind um die Wände streicht und keine Ritze findet, um das Feuer zu ersticken, das Gesicht an meinem, die Stille, das Schweigen, das synchrone Atmen. Die Ästhetik von Perfektion in kleinen Teilen: He says, “There’s plenty of time to make you mine tonight, there’s plenty of time to make you mine.” Ich möchte das weinselige Lächeln den Mund im geröteten Gesicht dieser weinseligen Augen wieder umspielen sehen und die einladenden Worte hören, später, horch: Rauschige und kleine Kinder sagen die Wahrheit, sagt man bei uns und uns ist, wo immer wir sind und uns daran erinnern können, woher wir kamen. Ich möchte den Schnee unter meinen Schuhen knautschen hören auf dem wahnwitzigen Weg heim, die warme Hand, die meine nimmt und den Satz hören, der nur für mich bestimmt in das plötzlich abbrechende Stimmengewirr hineinsagt wird und sich schüchtern in den undeutlichen Umrissen der Schneelandschaft irgendwo zwischen den Bäumen verliert und keinen Laut mehr zulässt, unendliche Sekunden lang.
Am ersten Morgen grasten die Schafe so selbstverständlich im Garten an der Klippe, als würden nicht sie auf der Erde laufen, sondern als wäre dies ihr angestammter Platz und die Erde liefe unter ihnen. - I'm waiting, you know that I am calmly waiting to make you my lamb -
Mary had a little lamb, little… Die Herde ist geschrumpft, es ist Juni, es ist immer Herbst. Es ist grau-in-blau. Die ersten Schafe haben sich ins Meer gestürzt: Weiße, weiche Wolken schaukeln an der Wasseroberfläche einem anderen Horizont entgegen, ich zupfe mir die fahle Wolle um den Körper zurecht und drehe mich dem Wind entgegen dem Festland zu, den grünen, sanften Hügeln, die letzte Frage der See schenkend. Und nur der See.
Einleitung in Fehlfarben:
Inkonsequenz ist die einzig mögliche Form, die Dinge zu handhaben.
(So kann man keinen Text beginnen, wer weiß denn jetzt schon, wovon man spricht, wenn man das Wort Ding verwendet, Ding kann alles sein und alles heißen. Seit du das Wort Ding gelernt hast, kannst selbst du alles beim Namen nennen, sagt man bei uns mit mehr oder weniger korrekter Deklination der Personalpronomina).
Inkonsequenz ist die einzig mögliche Form, jedwede Situation handzuhaben.
(Besser? Widersprüchlicher. Widersprüchlich ungleich besser.)
Inkonsequenz ist die einzige Konsequenz und über alle Möglichkeiten erhaben.
Ha.
Charakteristikum in Rauchblau:
Die Schafe hier gleichen nicht den Schafen dort, ihnen fehlen die schwarzbraunen Köpfe, der kurze gedrungene Körper mit den vielen Locken im filzigen Fell und die kleinen gewundenen Hörner, wenn ich aus dem Fenster sehe und das Glockengebimmel mit den Augen verfolge. Wären die Schafe hier Ziegen anstelle der falschen Schafe, ich würde mich daheimer fühlen, ich kann selbst jetzt nicht einfach an ihnen vorübergehen. Killing softly and serial, he lifts his head: handsome, horned, magisterial.
Ich bin nicht mehr da, ich war da, aber es ist dasselbe geworden: Es ist, als wäre ich nie dagewesen. Man schleift sich den Nebel vors innere Auge, die kleinen Boote, die wie zerbrechliche Glaskugeln auf den grauen Wellen im kalten Nordwind schaukeln und die Militärflugzeuge, die den Himmel verdunkeln und die Stille zerreißen wie Papier. Der Satz in dem Brief lautete (in etwa, mir fehlt das marginale Wort): Ich bin wohl generell ein Anachronismus, nicht im herkömmlichen Sinne, ich bin nicht nur pathetisch, sympathetic: there's too much past in my present.
Ich höre heute noch den Fluss rauschen, ich bin mit dem ruhigen Plätschern eingeschlafen und damit aufgewacht und ich denke jede Nacht, kurz bevor ich die Augen schließe: ich müsste neben dem Fluss schlafen, den das offene Fenster an mein Ohr getragen hat, ich würde dort schlafen und würde sonst nichts brauchen als dieses tiefe Rauschen, das mich so lebendig machte und mich schlafen ließ als wär ich tot.
Man sitzt zu oft vor weißen Blättern während die Zeit vergeht und alles verändert, das man zu kennen glaubte.
Am Ende: Weiß ist keine, war noch nie.

