ego.literally (schaffen)
“Oh, it's such a perfect day
I'm glad I spend it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on”
I
Felix und ich können uns nicht ausstehen – im Grunde.
Ich halte ihn für einen oberflächlichen, übersensiblen Traumtänzer, der eine greise Ernsthaftigkeit an den Tag legt, die mich anekelt. Die Ernsthaftigkeit geht so weit, dass selbst wenn er aus voller Kehle lacht oder glücklich und unbeschwert wirkt (weil er es ist?), er jedem in unmittelbarer Umgebung auf seltsame Art und Weise ständig unbewusst vermittelt: Das Leben ist nicht schön.
Er denkt ich sei altklug und über alle Maße arrogant und ich bin eine Frau. Das genügt meistens, um Felix in heilloses Durcheinander zu stürzen. In uns beiden wohnt dieselbe Art von Unstetigkeit und Rastlosigkeit, der wir unterschiedlich begegnen – natürlich – und der Hang, jeden winzigen Gedanken wieder und wieder hervorzuholen und zu durchdenken, durchkauen, bis aus den Gedanken Brei wird, Brei und Chaos. Felix und ich, wir bekommen alles auf die Reihe – und nichts, im Grunde.
Wir kannten uns kaum (auch jetzt noch) und doch haben wir uns auf dieselbe Art kategorisiert, weil es half dem Chaos im Kopf zuweilen eine Richtung zu geben, die nach jeder Begegnung eine andere war. Was in Vergangenheit stets gleich blieb war das Bedürfnis sich nahe zu sein, die Grenzen waren bis auf wenige Ausnahmen gut abgesteckt und so kam es, dass ich Felix stets wissen ließ, wenn ich in seiner Nähe war, er beschäftigt klang und bedauernd absagte und immer einige Zeit später doch auftauchte, scheinbar zufällig, zumeist betrunken und bekifft wie ich. Unsere seltenen Aufeinandertreffen verliefen konstant: Er kam zu spät, trank je nach Verfassung mal mehr, mal weniger, ich trank meistens mit und wir sagten uns erst Auf Wiedersehen, wenn einer von uns beiden nicht mehr trinken konnte, dringend schlafen musste oder das Geld ausgegangen war.
Konstantin ruft verzweifelt an, sie würden sich verspäten, er müsse Felix aus der Dusche holen und anziehen, es sei wohl spät geworden (ein vorsichtiges Haha), aber sie würden es heute noch schaffen. Armer Konstantin. Greta und ich lachen bis sie auftauchen, wir bestellen lachend Tee.
Gemeinsame Bekannte und mitgebrachte Freunde beobachteten dieses Spiel vermutlich unterschiedlich; ich sprach über Felix nur beiläufig oder gar nicht und will auch jetzt nicht hören, dass man Wetten abschloss und wilde Spekulationen aufstellte. Ich mochte das Gefühl, ihn aus der Fassung zu bringen, wenn er sich tapfer meiner Gegenwart aussetzte. Ich konnte mich entziehen wann immer ich wollte, intelligente Diskussionen führen, Luftschlösser bauen und derbe Witze reißen; ich war ich und spielte nur für ihn Theater, auf einer Bühne, auf der alle Anwesenden zu Statisten verkamen, auf der unser beider Belanglosigkeiten auf einen Thron gehoben wurden und wir alles waren: alles, was wir hatten und alles was wir brauchten, wann immer wir uns haben konnten. Dazu genügte manchmal das Wissen, dass wir uns zur selben Zeit im selben Raum aufhielten.
Nach jedem Treffen überkam mich eine tiefe Zufriedenheit und doch flüchtete ich, flüchtete in die Arme meiner Geliebten, flüchtete mich in die Studienbücher, flüchtete mich in lange Nächte, aus denen ich wie gerädert erwachte und mich erst Tage später davon erholte. Felix tauchte noch Wochen später in meinen Gedanken auf, bis er schließlich und sehr plötzlich aus ihnen verschwand. Ich wusste gut: bis zum nächsten Mal.
Felix hatte diese Mädchenwimpern, um die ich ihn beneidete, diese langen, schwarzbraunen Haare im Nacken, die ich mit unverhohlenem Entzücken fixierte, zog sich gut an und war geruchlos, gepflegt, aber geruchlos, ich frage mich noch immer, wie ein Mensch so neutral riechen kann, kein Körpergeruch, kein Parfum, kein Duft und kein Gestank. Wenn er ging war seine Haltung leicht gebeugt, als trüge er ein Geheimnis auf dem Rücken, ein unsichtbares Geheimnis, das ihm Mühe machte und das wortlos seine zumeist steinerne Miene erklärte. Seine Mimik war so undurchschaubar wie eine Betonwand.
Er interessierte sich für freie Medien und Politik, ich interessierte mich für Literatur und Biologie, wir sprachen selten darüber, weil wir uns nie einig waren, uns verächtlich anschnaubten und noch zwei Wodka bestellten, die wir dann schweigend und seufzend tranken. Felix und ich, wir wollten uns nie überzeugen, wir wollten uns neu definieren, ein ums andere Mal, das genügte uns. Forschung am Lebendobjekt, persönliche Studien.
Man sieht die Hand kaum mehr vor Augen wegen all dem Rauch, wir sitzen zu Dritt in der tiefen, roten Ledercouch, Felix in der Mitte. Ich rauche Kette und Felix hält mir einen Vortrag über Rauchen und die Folgen.
„Schau, das Rauchen ruiniert meinen Körper, irgendwann, deine Drogenexperimente ruinieren deinen klugen Kopf. Was ist dämlicher? Ich weiß, ist es beides – aber was?“
Ich lache zufrieden und ein bisschen zu überheblich, er dreht sich beleidigt weg und starrt geradeaus in Richtung Bar. Lou Reeds Stimme schleppt sich aus den Boxen, ich hüpfe im Sitzen vor Freude, nehme einen Schluck Bier und lächle zufrieden und mit einem angenehmen Schwindelgefühl, das mich erfasst, vor mich hin. Felix’ Mund am meinem Ohr: „Es gibt keine perfekten Tage.“
Ich sehe ihn nicht an, bewege den Kopf zur Musik und erwidere in den Nebel hinein: „Das nein. Aber es gibt doch gute Tage. Es gibt gute Tage.“
Ich drehe meinen Oberkörper zu ihm hin. Er macht ein Gesicht, als hätte ich ihm den Sinn des Lebens verraten: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Ich muss wieder lachen, er verzeiht die Augenbrauen und entlockt seinem verdutzten Gesicht ein Lächeln: „Du bist schön, Mara.“
„Ich weiß.“
„Ich weiß, dass du es weißt.“
purity - 27. Mrz, 23:45
Über Nacht wurde es Herbst. Ungefragt fährt der Wind in der Dunkelheit der frühen Morgenstunden durch die Fensterritzen in mein Zimmer und tanzt mit den Vorhängen. Ich sitze zusammengekauert auf dem Bett – hellwach und doch träumend – und lausche der unhörbaren Musik. Die Sommermonate waren mir einmal mehr entglitten. Nun trauere ich um sie, wie ich es noch jedes Mal getan habe. Noch bevor mich diese seltsame, innere Kälte zur Gänze erfassen kann, erscheint wie aus dem Nichts vor meinem inneren Auge dein Bild. Ich trauere einmal mehr.
Eine seltsame Angewohnheit hat der Mensch: Er ist sich nie zu jung, um von früher zu sprechen. Fühlt er sich lebendiger, wenn er sich erinnert? Wird das eigene Sein glaubhafter? Oder ist er einfach glücklicher, weil die Erinnerung so viel schöner sein kann als das Erinnerte selbst gewesen war?...
Das Gras, das ich als Bild im Kopfe trage, war trotz des Mittsommertages von frühlingshaftem Grün. Ich saß ein paar Meter von der Straße und dem Auto entfernt zu deinen Füßen. Die Startbahn verlief geschätzte hundert Meter parallel zur Straße, meine Augen konnten weder den Anfang noch das Ende erfassen. Der Himmel sah mir ins Gesicht, die letzten Strahlen der Sommersonne tauchten die Landschaft in ein unwirkliches, weißgelbes Licht.
„Schau doch!“ Ich schrie gegen die Turbinengeräusche des kleinen Flugzeugs an, das sich unmittelbar über unsere beiden Köpfe in die Luft streckte und sprang vom Boden auf. Dann rannten wir beide übermütig hinter der Maschine her über die Wiese, bis diese aus unserem Blickfeld verschwunden war. Atemlos sank ich ins Gras: „Wo der wohl hinfliegen mag?“
„Nach Bangkok.“
„Viel zu klein.“
„Bestimmt.“
Ein zerbeulter Müllcontainer, der überquoll. Das Licht spiegelte sich auf dem glänzenden Blech. Die Hitze machte die Welt in Zeitlupe beweglich. Windböen, die kurz aufwallten und dann in staubiger Erde vergingen. Lider blinzelten in die Sonne. Schatten und frei…
„Ich lese gerade all die Klassiker, denen ich in der Schule nie genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe. Goethe, Schiller... Das Fräulein von Scuderi. Ich glaube, ich bin besessen.“
„Das sieht man in deinen Augen.“
Du sprachst vom Schreiben um zu verändern, ich sprach vom Schreiben um zu sein. Ich mochte diese Endlosdiskussionen, die all die Male zuvor in einem Streitgespräch endeten, wie es eben der Fall ist, wenn zwei Menschen eine Passion teilen und doch nicht. Hörst du das Schweigen? Ich schloss die Augen und ließ die Sonne zufrieden gen Horizont ziehen. Ein Seufzen in der Luft, deine Stimme in meinem Ohr: „Und dann sagst du: Das bekommst du doch wieder nicht auf die Reihe. Und dann sage ich: natürlich nicht.“
Ich fixierte verlegen den ausgerissenen Grashalm in meinen Händen und lächelte. In meiner Erinnerung lächelst du an dieser Stelle ebenfalls, du lächelst dein verschmitztes, spitzbübisches Verlegenheitslächeln und wir fühlen uns einmal mehr so viel näher.
Es dämmert und ich weiß, ich werde wieder einen Tag verschlafen. Erschöpft lasse ich mich in die Kissen sinken und schließe erwartungsvoll die Augen, dass die Finsternis sich lichten kann und mir meine Geschichten erzählt. Ein Murmeln und ein ruhiger Atemzug am Ende: Und ich taufe dich neu: Sentenza. Ich träume nicht, wenn du bei mir bist.
September 2006,
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purity - 19. Okt, 21:10
Wolkenlos und durchscheinend, zartblau gebleicht von einer unermüdlichen Sonne zieht der eine Himmel oben und lässt den Himmel unten in einem Farbenrausch aus Grüntönen blenden und protzen. Bitte schnallen Sie sich an! Kilometer 301, A 1. Eine Messe in München verstopft die Autobahn an der ehemaligen Zollstation: zähflüssiger Verkehr, Hupen, Feinstaub, ich fühle mich wie zu lange gekauter Kaugummi und reibe mir die Augen, PKW-Parkplatz da, Telefonzelle dort. Und wo ist das Grün?
Die heiße Luft schlägt in Wellen Schattenpurzelbäume auf der Motorhaube, erhitzte Gesichter, Sechserpack, Überwachungskameras, Behindertentoilette. Schweißgeruch und Autoabgase erschlagen die Sinne, ein Meer an nackten Beinen und Unterarmen bewegt sich durch Schleier, aufheulende Motoren. Konsterniert atme ich Staub, den betäubenden Geruch von Benzin und scharfen Reinigungsmitteln.
Warmkalt. Die Klimaanlage verursacht ein penetrantes Sauggeräusch, das meinen Schluckreflex reizt. Ein Schritt, zwei Schritte, schluck. Schluck. Bilderfetzen aus vergangenen Tagen: Eine Frau beim Zahnarzt in der Kabine neben mir spricht mit der Zahnarzthand im Mund, unermüdlich, glucksend zwar, aber laut und bestimmt, eine Kämpfernatur, ADS, bitte einmal knebeln und zwar sofort! Es duftet nach Kaffee aus dem Bistro von nebenan. Ich schließe die Augen, bücke mich am Regal. Etwas bohrt sich in meinen Rücken, ein Stechen, ein Blick, umbarmherzig, aber kleinlaut, lässt mich ungerührt, lässt mich nicht in die Knie gehen, macht mich nicht den Kopf drehen und die kleinen, schwarzen, hündischen Augen (tief in den Höhlen vergraben) suchen um ihnen zu begegnen und sie in die Schranken zu weisen. Die Schritte, mürbe, klebrig, dringen zwischen Gemurmel und Geschäftigkeit an mein Ohr und das aufdringliche Gefühl hinter mir verschwindet hinaus auf die Straße und verlässt mich einen Augenblick später ganz. An manchen Tagen sind mir Motten unangenehmer als an anderen, ich fühle mich gequält, Piñata, mein Kopf dröhnt und ich schwanke hinaus in die schwüle Luft, nein, erst Kaffee, sechs Minuten, hier ein Kreuzchen auf Papier und dort, ab. Der Müllberg um den zierlichen metallenen Aschenbecher hat sich in Luft aufgelöst, ich verdrehe mir den Kopf nach einem Messias und erwarte ein paar Atemzüge lang Hagel und Wolkenbruch, Wunder, Wunder! Ein Kind läuft mir zwischen die Beine, ich schlage einen Haken, zwei, zwinge mich zu einem Lächeln um kein Trauma zu verschulden.
Kaltwarm, später. Der Fahrtwind erschlägt die rauschenden Töne, die sich aus dem Radio quälen. Well, the windshield was broken but I love the fresh air, you know.Ich bin müde und höre auf nach Musik zu suchen, die nicht rauscht. Hier ein Kreuzchen und dort, niemand schert sich um mein Gemurmel. Selbstgespräche auf der Toilette, vorhin. Salatbar? Tankwart? Flugmüll? Schaumwein, Entscheidungsunfähigkeit: augenscheinlich. Dazwischen Gedanken an eine Liebe, die Liebe wäre, wäre sie hier.
purity - 1. Sep, 23:05
Ich habe sie nicht herbeigesehnt, die fliederfarbenen Tage, die wie Klingen über mir hängen und mich erstarren haben lassen. Früher war das anders, weißt du. Früher war mein Leben bewegt und ich habe bewegt und mich bewegen lassen. Früher habe ich den Flieder geliebt, den schweren betäubenden Duft wie Opium in mich gesogen und mit ihm getanzt. Ich war eine passable Tänzerin.
Viele Tage sind einander gleich, aber manche Tage gleichen sich eher als andere. Meine Tage gleichen sich, einer dem anderen. Das einzige was mir geblieben ist sind die Farben. Zuviel Wasser hat sich die Flüsse hinab gestürzt, zu viele Stunden sind verronnen und ich harre aus in einem Zimmer, bin meine eigene Gefangene. Anfangs habe ich mich noch gewehrt: Ich weinte fast eine Woche lang als ich in einem Anfall die Telefonkabel aus den Wänden riss und alle Glühbirnen im Haus zerschlug, damit ich nachts, wenn der Vollmond durch die Fensterscheiben leuchtet, den Flieder nicht ansehen muss. Ich schlafe nicht mehr, ich träume nicht mehr. Ich ertrage die Bücher um mich nicht mehr, weil ich sie nicht lesen kann: ich habe verlernt, ein Buch zu lesen.
Zu viele Stunden sind verronnen, Ada, sage ich zu mir, Ada, wenn du die Uhren nicht hättest, du wärst schon längst verrückt geworden. Aber ich habe die Uhren, alle Uhren, die ich je besaß, hängend und stehend bewachen sie meine Schlafstätte. Denn wenn es eines gibt, das mich beruhigen kann und mich alles vergessen lässt, ist es das monotone Ticken der Uhren, die guten Uhren, die mir die Sekunden vorzählen und mich so vereinnahmen, dass ich aufhöre die Tage an den Fingern oder die Risse an der Decke zu zählen.
Mehrmals am Tag kommt sie an mein Zimmer, macht die Türe auf und spricht zaghaft durch den Türschlitz: „Ada“, Pause, „Ada, du bist noch immer schön, du musst essen.“ Ich antworte nie, aber ich hebe den Kopf; an den Tagen, an denen ihr die Hoffnung hartnäckiger im Nacken sitzt wiederholt sie den Satz und manchmal ist mir, als würde ich von ihren Worten satt werden und ich beschließe nicht aufzustehen. Wenn ich fühle, dass mir die Beine einzuknicken drohen, wenn ich meinen Kreis drehe (immer denselben, man kann die Abdrücke auf dem Teppich sehen, es ist kein schöner Kreis), schleiche ich zur Tür, wenn alles schläft und hole mir den Teller mit belegten Broten und dem eingelegten Knoblauch, den ich so gerne aß, früher, weißt du.
Nachts besucht er mich ab und zu und setzt sich an den Fuß meines Bettes, den Kopf in die Hände gestützt, geduldig wartend, bis ich mich bereit fühle und meine Frage stelle, die Frage, die seit Jahr und Tag dieselbe ist: „Weißt du nun?“
Er legt den Kopf schief und sieht mich nicht an (wie er es immer tut, immer getan hat, er legt den Kopf schief, er sieht mich nicht an).
„Nein, ich habe keine Ahnung.“
„Gar keine?“
„Gar keine.“
purity - 8. Jul, 18:10
„Zähle nicht die Tage, Tochter, zähle nicht die Stunden. Geh und kreuze Wege, lebe Leben und lege dich jenen zu Füßen, auf dass man sich zu den deinen legen kann, ohne Atem zu versiegen und Herzen zum Stillstand zu bewegen. Der Mensch sieht, um zu glauben. Glaube du, um zu sehen.“
Als ich erwache, reißt es an meinen Lidern. Ganz plötzlich weiß ich wieder, wo ich bin und hingehöre. Ich zögere nur den Bruchteil einer Sekunde, mein Körper mag dem angebrochenen Gedanken nicht im Ansatz folgen und so schreite ich an dich heran und besiegele diesen neuen Bund mit einer verhängnisvollen Umarmung. Du bist zu mir gekommen, Zeit, güldene, neues Jahr, neue Hoffnung, neues Leben, du schenkst dich mir, du hast mich nicht vergessen, obwohl ich nie einen sehnsuchtsvollen Gedanken an dich richtete, mich immer nur an deine Brüder und Schwestern hing, mich an ihnen aufrieb und mich an sie verschwendete. Ich erhebe mich, begutachte ein letztes Mal die schönen, frischen Narben an meinem nackten Körper, blinzle wie ein Kind in eine neue Welt, die eine Welt, meine Welt, die mich einmal mehr nicht hat ziehen lassen, meine Porzellan-Geliebte, mein dreiköpfiges Ungetüm, du fleischfressende Erde. Ich setze einen Fuß vor den anderen und beherrsche den Pfad, nehme mir den Raum, bemächtige mich allem, was meine Augen umreißen. Allein unter deinem Joch kann ich aufrecht gehen. Jetzt bist du es: schwer mit mir behangen. Ein Gleißen – kein Blinzeln, gedankenlos. Dies ist kein Ende, dies ist der Anfang.
purity - 1. Jan, 19:20
(kollaboration mit andre thom)
treffen der dritten art sind seltene
raritäten eines augen blicks
sonderbare identitäten einer handvoll sekunden,
sie fühlen sich blau an
wie kalte schweigende seide
leicht und leicht und
unbeschwert
wir genussmenschen üben
exzessives atmen
ein bruchstuck perfider perfektion
wie die erste zigarette am morgen
eindeutige zweideutigkeiten
alles geschwiegen und doch zuviel erzählt
klischeébeladene lockrufe
die man durch die filter im ohr im licht
nicht fragen kann
wenn die zunge am gaumen schläft
und nichts bleibt außer einem seidenen nachgeschmack
und die splitternden selbstvorwürfe
uns die sekunden nachwerfen
einer selbstverschuldeten unfähigkeit
das unausprechliche auszuschweigen
auszusprechen auszuspucken auszuatmen
manche sagen, stille sei ein segel,
manche schweigen.
purity - 27. Dez, 13:57
"...der Mönchsberg, der ja auch der Selbstmordberg genannt wird, weil er wie nichts sonst für den Selbstmord geeignet ist. [...]. Die auf der Straße Aufgeplatzten haben mich immer fasziniert..." Thomas Bernhard
Atemlos stehen wir auf dem grünen Plateau und ertrinken mit den Augen in den Dämmerlichtern der Stadt. Der Himmel ist klar, von einem zarten Blau und der Blick reicht bis zum gegenüberliegenden Kapuzinerberg, dessen Osthang von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in purpurnes Licht getaucht wird. Ich gehe mit kleinen Schritten langsam bis an den Rand des Felsvorsprungs. „Keine Postkarte kann diesen atemberaubenden Anblick auch nur annähernd so wiedergeben“, murmle ich in den Kragen meiner Jacke. Gedanken an Thomas Bernhard, an den Eiffelturm. In diesem Moment wundere ich mich kein bisschen, warum man sich Angesichts der Schönheit dieses Ortes in den Abgrund fallen lassen kann, ja muss. Mit versteinerter Mine schaue ich auf die unter mir liegenden Dächer der Altstadt und belächele gleich darauf die Widersprüchlichkeit in meinen Gedanken. Mir schwindelt bald vom Blick in die Tiefe, also lasse ich mich in das taunasse Gras sinken, den heißen Becher Kaffee in der rechten Hand fest umklammert. Sie kommt mir hinterher, wortlos, den Blick auf einen Punkt in der Stadt zentriert und setzt sich neben mich. „Ich mag das so, dass du schweigst, wenn du weißt, dass es an der Zeit ist“. Ich drehe mich zu ihr und rieche ihren Zigarettenatem. „Ich weiß.“ Sie nimmt meine Hand und wir sitzen still da, bis wir beinahe vergessen haben, dass wir da sitzen.
„Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“ Ich breche das Schweigen und fühle mich gleich darauf schlecht, als hätte ich etwas Schönes kaputt gemacht, nur aus einer Laune heraus. Aber sie sitzt nur weiter still neben mir und lächelt mich erwartungsvoll an, mit einer Zigarette zwischen den Zähnen. Der morsche Holzzaun, der uns nun nur noch beschränkte Sicht auf die vielen Lichter gewährt, ragt aus dem Boden wie ein Mahnmal. Das gleichmäßige Brummen der Motoren dringt leise durch den Berg zu uns herauf, ich fühle mich plötzlich sehr schläfrig und die Kälte verfliegt mit dem aufgehenden Mond. „Ich fühle mich schuldig für nichts“, sage ich mehr zu mir als zu ihr. Es ist schon beinahe dunkel, aber sie legt ihre Hände an mein Gesicht und wischt die Tränen weg, als könnte sie diese sehen. „Es ist so viel Platz zwischen uns, ich weiß nicht wohin damit.“ Ich umklammere ihre kalten Finger und lege sie in meinen Schoß. Sie sieht mich ernst an: „Wenn man erst anfängt, darüber nachzudenken, gibt es kein Zurück mehr.“ Ich möchte in meinem Kaffeebecher ertrinken und stürze den Inhalt hinunter, als rettete das mein Leben. In meiner Erinnerung ist immer alles so schön, viel schöner, als es in Wirklichkeit je war.
Februar 2006
purity - 7. Dez, 01:01
Ein Experiment
(getragen)
Genusssucht (eines der höchst seltenen Worte, die durch die Neue Deutsche Rechtschreibung ein beinahe perfektes Wortbild abgeben), ich wiederhole: Genusssucht ist keine Zivilisationskrankheit.
Ich fürchte, ich habe meine Würde auf dem Fensterbrett liegen lassen. Tritt sie bitte mit Füßen, aber tu es mit Stil. Passive Aggressivität kann man überwinden, wenn man erst einmal Gefallen daran findet, mit Gläsern auf Köpfe zu zielen. Suchtverhalten entwickelt sich schneller, als man zu glauben vermag. Manchmal bedingt es nur Destruktivität, mehr braucht es nicht. Ich weiß, du hast meinen unterschwelligen Sadismus unterschätzt. Du kannst mir vor die Füße kotzen. Such dir was aus. Hauptsache, du hörst auf zu reden. Ein Wort wäre schon zu viel, man stiege wieder auf das Karussell und würde sich glücklich wähnen, glücklich!
Wer hoch steigt, fällt tief. Wir steigen um des Fallens Willen. Ich habe es geflüstert, in Endlosschleifen vor mich hingemurmelt, geweint, geschrieben, geschrieen. Mein Uterus hat es in Krämpfen rhythmisch aus mir hervorgestoßen. Wir steigen wegen. Immer wieder, manisch. Das haben wir nun davon, von allem, von nichts. Ich bin ganz und gar Egoist, ferner Autodidakt. Ich steige um des Fallens Willen. Cogito nondum ebrius satis sum. Grenzerfahrungswert. Ich wiederhole: darüber hinwegsteigen. Muss man für alles im Leben eine Begründung haben? Das Warten dauert auch so lange genug. Heute beginnt die Ewigkeit. Das hat mir am Morgen der Postbote zugesteckt. Zusammen mit den kläglichen Resten einer Persönlichkeit. Unworte, die im Delirium von rissigen, dicken Lippen vor sich hingespuckt werden. Ich fürchte, ich habe irgendetwas auf dem Fensterbrett liegen lassen. Es ist schon zu lange her. Kartenhäuser gehorchen keinen statischen Gesetzen.
Oktober 2006
purity - 16. Okt, 23:54
Für D.
I
"Aber wir müssen heute doch noch Rotwein trinken. Ich habe keinen guten Wein mehr getrunken, seit du weg warst." "Seit ich da war."
Toxischblau zieht Rauch an müden Gesichtern vorbei, unbeweglich leuchten deine glasigen Pupillen purpurviolett im kalten Neonlicht. Im Hintergrund Musik, viel zu laut, fast schon penetrant: I'm just a notch in your bedpost but you're just a line in a song.
Man kann sich nicht unterhalten, ohne brüllen zu müssen, man geht zu nonverbaler Kommunikation über. Ich ziehe mit den Augen die Kontur deiner Wirbelsäule nach, vom dunklen Haaransatz im Nacken bis zum Gürtel deiner Jeans. Das erste Gähnen geht nahtlos über in die ersten Ausflüchte, nach Hause zu müssen. Der Raum leert sich. Sechs ist eine schöne Zahl, wenn sie übrig bleibt.
Die Ruhe vor dem Sturm, der nicht mehr kommen wird: Du starrst ein Fingerkuppen großes Loch in dein Bierglas, der Inhalt quillt über den Tischrand und bildet am dreckigbraunen Fußboden eine große Pfütze, deren Form mit viel Fantasie an den Stephansdom erinnert. Sagt man zumindest. Mich erinnert sie an vergangenen Herbst, auch wenn es mir beim besten Willen nicht möglich ist, das zu erklären. Irgendwann hört man auf zu fragen und wendet sich wieder anderen Themen zu. Schafwolle. Bukowski. Minnesang. Polizisten spuckt man nicht ins Gesicht. Schnee ist das Blut der Geister. Das Leben ist der Blues. Und irgendwann kann und will ich nicht mehr folgen und streichle in Gedanken deinen Rücken. Du bist dran.
II
"Ich muss dich etwas fragen."
"Dann frag doch."
"Ich mache mich wieder lächerlich."
"Warum solltest du?"
"Du machst mich wieder lächerlich."
"Ich habe dich noch nie so empfunden."
"Wie?"
"Lächerlich."
"Natürlich."
III
Und der Himmel glänzt wie voll von Amethysten und die Sterne sehen aus wie kleine Fische.
April 2006
purity - 10. Okt, 17:33
und so schwinden die tage, zerinnen wie sand zwischen den fingern und am tag darauf bleibt nicht einmal eine ahnung in form von schalem geschmack oder bitteren küssen auf der haut zurück. die hitze scheint mir den geist aus dem leib zu pressen, macht mich wehmütig, wehleidig, wehklagend. meine sensible ader scheint sich gut sichtbar für alle bläulich durch meinen körper zu ziehen, so zucke ich zusammen, wenn immer ich meinen namen höre. seid still, schreit nicht, bemüht mich nicht, ich bin ebenfalls nicht bemüht. ich spüre nichts. ich fühle nur.
purity - 26. Jun, 23:30